Leseprobe

Hier könnt ihr die ersten drei Kapitel aus meinem Kinderbuch "Marismera: Die Insel der Zaubersmaragde" lesen: 

Anna-Maria Nagy - Marismera Leseprobe

                                                    Kapitel 1

                                        Veronica nimmt Abschied

 

Veronica schlug die Augen auf. Ihr Blick fiel auf das breite Fenster gegenüber, durch das grelle Sonnenstrahlen hereinfielen, die sie blendeten. Einen Augenblick lang wusste sie nicht, wo sie sich befand, und sie konnte sich nicht erklären, weshalb die Unterlage, auf der sie lag, sich so hart anfühlte. Das war gar nicht ihr Bett! Dann fiel es ihr ein: Sie war hier eingeschlafen. Sie setzte sich auf und blickte zum Fernseher in der Ecke. Er war schwarz und stumm. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn gestern Abend ausgeschaltet zu haben. Ob er …? Doch sie brachte den Gedanken nicht zu Ende, denn schon war sie aufgesprungen und aus dem Zimmer hinaus in den kleinen Eingangsflur gerannt. Dort waren seine Schuhe … und an der Garderobe hing seine Jacke. Er war zurückgekehrt. Er hatte den Fernseher ausgeschaltet.

     Sie kehrte ins Zimmer zurück und setzte sich auf das harte Sofa, auf dem sie die Nacht verbracht hatte. Wann war er zurückgekommen? Und wie würde sie ihm ihr Vorhaben beibringen? Ruckartig drehte sie sich um und sah hinter das Sofa. Ihr kleiner Rollkoffer stand immer noch da. Und auf dem Glastisch neben dem Sofa erblickte sie Reste des Mohnkuchens, den sie gestern nach der Schule gekauft hatte. Für ihren elften Geburtstag – den er vergessen hatte.

      Plötzlich vernahm sie Schritte, die aus dem Flur zwischen dem Wohnzimmer, in dem sie sich befand, und den hinteren Schlafzimmern kamen. Das Wohnzimmer hatte zwei gegenüberliegende Türen, eine, die in den kleinen Eingangsflur führte, in dem sie soeben gewesen war, und eine andere, die in den langen hinteren Flur führte, durch den man zu den Schlafzimmern gelangte. Diese zweite Tür öffnete sich nun mit einem leisen Quietschen. Im Türrahmen erschien ihr Bruder. Veronica nahm wahr, wie er seinen Blick über die Bettdecke und das Kopfkissen schweifen ließ, die neben ihr auf dem Sofa lagen. Ohne ein Wort durchquerte er das Wohnzimmer und verließ es durch die andere Tür, die in den Eingangsflur führte. Von dort aus betrat er die Küche.

     Veronica blieb einige Augenblicke sitzen, bevor sie ihrem Bruder nachlief. Als sie die Küche betrat, schmierte er sich gerade im Stehen eine Brotscheibe mit Butter und Marmelade. Stumm setzte sie sich an den Küchentisch und beobachtete ihn.

      „Wann ist er heimgekommen?“, durchbrach sie schließlich die Stille.

     Ihr Bruder stellte das Marmeladenglas zurück in den Kühlschrank und nahm den Teller mit der Brotscheibe in die Hand. „Wieso fragst du das mich? Du hast die ganze Nacht auf ihn gewartet.“ Damit wandte er sich zum Gehen.

     Veronica sah ihm nach. „Wo gehst du hin?“

     „In mein Zimmer“, sagte er über seine Schulter hinweg.

     „Warum frühstückst du nicht hier?“

   „Ich hab meinen Computer schon eingeschaltet.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er die Küche.

     Veronica sprang auf und lief ihm in den Flur nach. „Dennis, warte!“

     „Was ist?“

    „Ich bin eingeschlafen. Ich hab nicht mitbekommen, wann er zurückgekommen ist.“ Sie sah sich in dem kleinen Eingangsflur um. „Seine Jacke und seine Schuhe sind hier.“

   Ihr Bruder biss ein Stück von seiner Brotscheibe ab. „Er schläft. Tief und fest. Bis zum Nachmittag kriegst du ihn nicht wach.“

    „Ich will heute mit ihm reden.“

   Schwach lächelnd wandte sich ihr Bruder wieder zum Gehen. „Viel Spaß.“ Mit diesen Worten ging er ins Wohnzimmer, dann den langen hinteren Flur entlang zu seinem Zimmer.

    Veronica kamen die Tränen, als sie ins Wohnzimmer zurückging und sich auf das unbequeme Sofa sinken ließ. Die Wanduhr zeigte sieben Uhr an. Als sie überlegte, ob sie sich für ein paar Stunden wieder hinlegen sollte, hörte sie erneut Schritte im hinteren Flur. Schwere Schritte und ein trockenes Husten. Er war wach! Hastig wischte sie sich die Tränen ab und sprang auf die Beine. Im gleichen Augenblick schwang die Tür auf.

     „Papa!“

   Ihr Vater starrte sie an. Sein Haar war zerzaust und unter seinen Augen traten dunkle Augenringe hervor. Sein schlaftrunkener Blick fiel auf die Bettdecke und das Kopfkissen auf dem Sofa. Schweigend durchquerte er das Wohnzimmer und ging in Richtung Küche. Veronica folgte ihm und setzte sich erneut an den Küchentisch.

     Geräuschvoll durchstöberte ihr Vater mehrere Schubladen. „Haben wir kein Aspirin mehr?“

    „In der oberen Schublade“, antwortete sie.

    Er stöberte weiter. „Da sind keine.“ Seufzend setzte er sich ihr gegenüber und stützte den Kopf auf die Hände. „Ich habe entsetzliche Kopfschmerzen. Musst du heute nicht in die Schule?“

     „Wir haben Sommerferien. Weißt du nicht mehr? Heute ist der erste Ferientag.“

      Er sah auf. „Warum hast du im Wohnzimmer geschlafen?“

     „Ich hab auf dich gewartet.“

     „Wieso?“

     „Ich wollte mit dir reden.“

     „Worüber denn?“

      Sie zögerte. „Darüber, dass du jeden Abend betrunken nach Hause kommst.“

     „Ich komme nicht jeden Abend –“

    „Doch! In den letzten Wochen schon. Du hast damit angefangen, als du arbeitslos wurdest. Aber das ist schon ein halbes Jahr her! Am Anfang hast du dich nur am Wochenende betrunken, dann immer öfter, und seit Wochen jeden Tag. Das weißt du genauso gut wie ich!“

    „Veronica bitte … Schrei nicht so. Mein Kopf platzt. Das ist nur eine vorübergehende Situation. Bald werde ich wieder Arbeit finden und dann wird alles so sein wie früher.“

    „Das sagst du schon seit Monaten.“ Sie hielt inne. „Das sind die ersten Sommerferien, in denen wir nicht in Urlaub fahren. Wir sind bis jetzt jeden Sommer ans Meer gefahren – auch nachdem Mama gestorben war.“

     Ihr Vater wich ihrem Blick aus. „Wir können uns dieses Jahr keinen Urlaub leisten. Du und Dennis wisst das doch. Das Arbeitslosengeld reicht kaum zum Leben aus.“

     „Warum gehst du dann jeden Abend aus und betrinkst dich?“

     „Das zahl’ ich nicht von meinem Geld. Meine Freunde spendieren mir die Getränke.“

   „Tolle Freunde hast du, Papa.“ Nun wich sie seinem Blick aus. „Du hast vergessen, dass gestern mein Geburtstag war.“

     Ihr Vater schwieg.

    „Ich habe letzte Nacht nicht deshalb auf dich gewartet“, fuhr sie fort. „Sondern, weil ich dir sagen wollte, dass ich dich nicht mehr jeden Tag betrunken sehen will ... und dass ich weggehe.“

     „Was meinst du damit?“

     „Ich laufe von zu Hause weg.“

     „Spiel nicht mit mir, Veronica. Ich bin voll verkatert.“

    „Meinen Koffer habe ich schon gepackt.“ Abrupt stand sie auf und hastete ins Wohnzimmer. Dort griff sie nach ihrem kleinen Rollkoffer und kehrte mit ihm in die Küche zurück. „Und wie du siehst, habe ich letzte Nacht nicht im Schlafanzug geschlafen, sondern in meiner Tageskleidung. Ich brauche mir nur noch die Schuhe anzuziehen und dann bin ich weg.“ Sie sah ihren Vater lange an, zögerte kurz, dann fügte sie hinzu: „Als Mama gestorben ist, passierte das in einer Sekunde. Seitdem sind zwei Jahre vergangen ... aber du benimmst dich so, als würde sie seitdem jede Sekunde sterben. In diesem Haus gibt es keine Freude mehr, kein Lachen. Nur noch ernste Gesichter. Und in letzter Zeit den Alkohol. Ich vermisse Mama auch sehr, aber ...“ Erneut zögerte sie. „Ich weiß, du glaubst mir nicht ... aber ich spreche oft mit ihr. Und sie spricht mit mir. Ich weiß nicht, wie, aber ich kann sie hören. Und sie hat mir jedes Mal gesagt, dass sie nicht will, dass wir traurig sind, weil sie fort ist. Denn sie ist nicht fort ... sie meinte, dass sie immer in unserer Nähe ist. Und ich spüre das auch. Spürst du es denn nicht?“

    „Du täuschst dich selbst, Veronica. Deine Mutter ist tot. Für immer. Sie kann nicht mit dir sprechen, weil sie nicht mehr existiert. Ich verstehe, dass du in deinem Alter noch an solche Dinge glaubst. Aber es gibt keine Magie, das wirst du noch herausfinden.“

    „Ich glaube, du täuschst dich, Papa.“ Veronica wandte sich rasch um und schleppte ihren Koffer in den Eingangsflur. Dort zog sie schnell ihre Sandalen an.

     Einige Sekunden später erschien ihr Vater hinter ihr. Er räusperte sich. „Veronica ... Wegen deines Geburtstags – das tut mir sehr leid ...“

     Schweigend berührte sie die Wohnungstürklinke.

     „Und wo willst du hingehen, wenn ich das wissen darf?“, fragte ihr Vater.

     „Weit weg! Ganz weit weg!“

     „Ich finde dein Spiel spannend. Aber ich weiß, dass du in ein paar Minuten wieder da bist.“

   Veronica drückte die Türklinke nieder und öffnete die Tür. Dann sagte sie, ohne sich umzudrehen: „Ich hab mich von Dennis nicht verabschiedet. Sag ihm, er soll auf dich aufpassen. Mach’s gut, Papa.“

 

                                                  Kapitel 2

                                         Das fliegende Boot

 

Veronica schlang die Arme um ihre Knie und blickte aufs Wasser hinaus. Sie saß auf einer niedrigen Holzbank an einem kleinen See, nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, an dem sie früher oft mit ihrer Mutter gewesen war. Das Ufer, an dem sie sich befand, war menschenleer, und am anderen Ufer erblickte sie nur zwei Jogger. Es war noch zu früh für Spaziergänger. Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, doch ihre Strahlen tanzten bereits auf der stillen Wasseroberfläche. Nicht weit von Veronica entfernt glitten zwei Enten still über das Wasser.

     Ihre Mutter hatte den See geliebt – von ihr hatte Veronica die Liebe zum Wasser geerbt: zu den Flüssen, Bächen, Seen und vor allem zum Meer. Dies waren die ersten Sommerferien, die sie nicht am Meer verbringen würde. Als ihre Mama noch gelebt hatte, waren sie jedes Jahr dreimal in Urlaub gefahren – jedes Mal ans Meer. In den Sommerferien waren sie immer ins Ausland gefahren, während sie die Oster- und Weihnachtsferien in Deutschland verbracht hatten, abwechselnd an der Ostsee und der Nordsee. Auch letzten Sommer, ein Jahr nach Mamas Tod, waren Veronica, ihr Vater und ihr Bruder zusammen an die Westküste Frankreichs gefahren. Doch dieses Jahr reichte das Geld nicht für einen Urlaub. Veronica vermisste das Meer sehr, und wenn sie daran dachte, dass sie sich dieses Jahr nicht in seiner Nähe befinden würde, spürte sie den Schmerz nicht nur in ihrem Herzen, sondern im ganzen Körper.

     Sie konnte verstehen, dass ihr Vater nach dem Tod ihrer Mutter traurig war, sie konnte aber nicht begreifen, warum er sich in den letzten Monaten immer öfter betrank und fast jeden Tag spät in der Nacht nach Hause kam. Sie wünschte sich sehr, dass er wieder eine Arbeit fand und mit dem Trinken aufhörte. Auch wünschte sie sich, die Atmosphäre bei ihnen zu Hause wäre wieder so fröhlich wie zu der Zeit, als ihre Mutter noch lebte. In den vergangenen zwei Jahren hatte Veronica ihren Vater kaum lächeln sehen; und ihr Bruder, der früher ihr bester Freund gewesen war, schloss sich nun die ganze Zeit, die er zu Hause war, in seinem Zimmer ein und blieb allein mit seinem Computer. Veronica vermisste ihre Mama auch sehr, aber aus den täglichen Gesprächen, die sie mit ihr führte, wusste sie, dass diese nicht wollte, dass ihre Familie so lange um sie trauerte. Erst vor kurzem, als Veronica ihr erzählte, wie schlimm es um ihren Vater stand, hatte ihre Mutter ihr gesagt: „Mein Tod war nicht so schlimm, wie ihr ihn euch vorstellt; ich starb bei dem Autounfall sofort, in weniger als einer Sekunde. Es ist normal, dass ihr eine Weile um mich trauert, aber dein Vater leidet seit zwei Jahren umsonst – in seinem Kopf stellt er sich ununterbrochen vor, wie ich sterbe. Da wundert es mich nicht, dass er seine Arbeit verloren hat und sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Er leidet unter einer falschen Vorstellung, nicht unter meinem Tod, der kurz und schmerzlos war und sich nur einmal ereignet hat. Es ist auch normal, dass ihr mich vermisst, aber deshalb braucht ihr nicht euer Leben aufzugeben; außerdem bin ich gar nicht so weit weg – ich bin ganz in eurer Nähe, die ganze Zeit, und werde es immer sein. Nur dass ihr mich nicht mehr mit euren Augen sehen könnt, aber dafür mit euren Herzen. Du spürst es, deshalb können wir uns auch miteinander unterhalten.“ Veronica hatte versucht, all dies ihrem Vater zu erklären, aber sie hätte wissen müssen, dass er es nicht glauben würde. Sie wusste selbst nicht, warum sie die Gegenwart ihrer Mutter so stark spürte und mit ihr sprechen konnte. „Magie“ hatte ihr Vater es genannt, und er war der Meinung, dass es so etwas nicht gab.

     Während sie weiter auf die Wasseroberfläche starrte, begann sie sich zu überlegen, wo sie als Nächstes hingehen könnte. Sie hatte nicht viele Verwandte; ihre Mutter war ein Einzelkind gewesen und ihr Vater hatte nur einen Bruder. Dieser lebte mit seiner Familie in Hamburg, und das lag in Norddeutschland, während Veronica in Süddeutschland lebte. Ihr erspartes Taschengeld würde für eine Fahrkarte nach Hamburg nicht reichen. Und selbst wenn sie irgendwie dorthin käme, würde ihr Onkel sie mit dem ersten Zug zurückschicken. Anita, ihre beste Freundin, konnte sie auch nicht besuchen, denn diese verbrachte die Ferien bei ihren Großeltern. Veronicas Großeltern hingegen lebten nicht mehr.

     Während sie sich den Kopf darüber zerbrach, was sie als Nächstes tun sollte, kamen ihr die Tränen. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und ließ den Tränen freien Lauf. Nach einiger Zeit hob sie den Kopf und blickte wieder auf den ruhigen See hinaus. Ihr Blick war von den Tränen getrübt, doch sie konnte die zwei Enten von vorhin erkennen. Und durch den Schleier ihrer Tränen erkannte sie noch etwas, das hoch über den Enten, mitten in der Luft, zu schweben schien.

     Verwundert rieb sie sich die Augen. Dann blinzelte sie ein paar Mal, um wieder klar zu sehen, und schaute nach oben. Einige Meter über der Stelle, an der die Enten über das Wasser glitten, schwebte mitten in der Luft ein kleiner Gegenstand. Er war so klein wie eine Obstschale, hatte aber die Form eines Bootes. Seine türkisgrüne Farbe glänzte wie ein Smaragd in der strahlenden Sonne. Ganz langsam schien das kleine Boot auf das Wasser darunter zuzusteuern.

       Veronica blickte oberhalb des Bootes, um nach einem Seil zu suchen, an dem es womöglich hing. Ihr erster Gedanke war, dass jemand in einem der Bäume am Ufer versteckt war und sich einen Scherz erlaubte. Doch das Boot schien an keinem Seil zu hängen – es schwebte so sicher und eigenständig in der Luft, als befände es sich auf dem Wasser.

     Mit pochendem Herzen beobachtete sie, wie sich das Boot langsam der Stelle auf dem Wasser näherte, an der die zwei Enten schwammen. Offenbar wollte es auf dem See landen. Als wollten sie Platz machen, entfernten sich die Enten gemächlich von der Stelle. Das Boot war nur noch etwa einen Meter vom Wasser entfernt, als zwei Köpfe aus seinem Inneren hervorlugten. Veronica schlug ihre Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Denn aus dem türkisgrünen Boot in der Luft schauten eine kleine schneeweiße Katze und ein dunkelbrauner Hund hervor. Beide stützten ihre Vorderpfoten auf dem oberen Rand des Bootes ab und blickten auf den See unter ihnen.

    Veronica sprang auf und versteckte sich hinter der Bank. Dann streckte sie den Kopf ein wenig seitlich hervor, um zu beobachten, was als Nächstes geschah.

      Für einen kurzen Augenblick verschwanden die Katze und der Hund im Inneren des Bootes, und als ihre Köpfe wieder hervorschauten, kam eine große hellgrüne Flasche zum Vorschein. Die zwei kleinen Tiere stützten die Flasche mit ihren Vorderpfoten und hielten sie hoch über den Bootsrand. Dann neigten sie sie leicht und ein smaragdfarbenes Pulver schoss hervor. Augenblicklich erfüllte grünlich schimmernder Glitzer, der zu Veronica herüberwehte, die Luft. Kleine Glitzerpartikel fielen auf sie wie Schneeflocken im Winter herab, nur dass sie smaragdgrün waren. Sie fühlte sich mit einem Mal benommen und verspürte den Drang zu niesen. Mehrmals hintereinander nieste sie. Als sie wieder um sich blickte, war der Glitzer verschwunden und ihre Benommenheit verflogen.

     Das Boot ließ sich nun auf dem Wasser nieder, nur ein paar Meter von Veronica entfernt, und steuerte langsam auf das Ufer zu. Es hatte keine Ruder und es war auch kein Motorengeräusch zu hören. Das Boot schien von selbst zum Ufer zu gleiten. Als es auf dem kiesbedeckten Ufer angelangt war, sprangen die zwei Bootsinsassen heraus. Die weiße Katze war eine Spur kleiner als ihr Begleiter und hatte eine himmelblaue Schleife um den Hals. Der dunkelbraune Hund trug keine Schleife, hatte aber einen großen weißen Fleck oberhalb des rechten Auges.

    Veronica stellte mit Entsetzen fest, dass die zwei in Richtung ihrer Bank kamen. Und dann sah sie die Katze ihre Lippen bewegen.

    „Die Arme, sie ist erschrocken.“

   Als Veronica diese Worte vernahm, presste sie beide Hände gegen den Mund, um nicht loszuschreien.

 

                                                  Kapitel 3

                Die Katze, die keine Katze ist, und der Hund, der kein Hund ist

 

Veronica wäre über die weite Wiese, die sich hinter der Bank erstreckte, schon längst davongelaufen, wenn sie sich nicht erinnert hätte, dass ihr Koffer noch immer vor der Bank stand. Sie wollte ihn nicht zurücklassen, wagte jedoch nicht, aus ihrem Versteck hervorzukommen.

     Hinter der Bank geduckt, wartete sie, dass die zwei merkwürdigen Gestalten, die soeben aus dem fliegenden Boot gestiegen waren, wieder verschwanden. Um nicht entdeckt zu werden, vergrub sie ihr Gesicht zwischen den Knien und machte sich so klein wie möglich.

     Kurz darauf vernahm sie zu ihrer Rechten ein leises Rascheln. Vorsichtig hob sie den Kopf. Der dunkelbraune Hund war um die Bank herumgekommen und stand jetzt nur wenige Schritte von ihr entfernt.

     „Hallo“, sagte er.

    Veronica wollte sofort losrennen. Doch als sie sich aufzurichten versuchte, sackten ihr die Beine ein und sie fiel nach hinten.

     Nun war auch die Katze um die Bank herumgekommen und stellte sich neben den Hund. „Guten Morgen“, sagte sie.

      Auf dem Boden liegend, tastete Veronica nach einem Stein, mit dem sie sich würde wehren können, falls die zwei sie angreifen würden.

     „Es tut uns leid, dass wir dich so überfallen“, sprach wieder die Katze. „Es ist nicht unsere Absicht, dich zu erschrecken.“

    „Ich hoffe, dass wir durch unser für dich etwas ungewöhnliches Auftauchen“, sagte der Hund, „keinen allzu schlechten Eindruck auf dich gemacht haben. Wir würden uns gerne mit dir anfreunden, denn wir brauchen deine Hilfe.“

     Veronica sah sich um, doch es waren weit und breit keine Menschen zu sehen, die ihr hätten zu Hilfe kommen können. Sie war nun bereit, sich auch ohne ihren Koffer davonzumachen. Wenn ihre Beine ihr nur gehorchen würden!

     Die Katze trat einen Schritt vor. „Du brauchst keine Angst vor uns zu haben. Wie du siehst, sind wir klein und machtlos. Es geht keine Gefahr von uns aus.“

    „Wenn du möchtest“, sagte der Hund, „kannst du aufstehen und dich wieder auf die Bank setzen. Wir sind nicht hier, um dir etwas anzutun, sondern weil wir deine Hilfe brauchen.“

     Veronica fasste sich an die Schläfen und murmelte vor sich hin: „Ich träume. Das ist nur ein Traum. Bald wache ich wieder auf.“ Sie schloss die Augen und hoffte, dass die zwei sich bald in Luft auflösen würden. Doch als sie Sekunden später die Augen öffnete, standen die zwei sprechenden Tiere immer noch vor ihr.

    „Dies ist kein Traum, das kann ich dir versichern“, sagte die Katze. „Wir wissen, wie ungewöhnlich es dir vorkommen muss, zwei sprechenden Tieren zu begegnen. Aber wir sind in Wirklichkeit gar keine Tiere. Es würde uns sehr glücklich machen, wenn du uns eine Chance geben würdest ... und uns zuhörtest.“

     Als Veronica begriff, dass die zwei nicht die Absicht hatten, sie anzugreifen, fasste sie ein wenig Mut. „Wie ... wie könnt ihr sprechen?“

    Der Hund seufzte. „Das ist eine lange Geschichte. Wenn du bereit bist, sie dir anzuhören, erzählen wir sie dir gern.“

     „Vorher sollten wir uns aber vorstellen“, sagte die Katze. „Ich heiße Lidia und das ist Ricky, mein Verlobter. Und wie heißt du?“

    Als Veronica nichts erwiderte, sagte der Hund: „Ist in Ordnung, vielleicht verrätst du uns später deinen Namen. Möchtest du jetzt aufstehen und dich auf die Bank setzen?“

    Veronica zwickte sich in den Arm, doch der Schmerz verriet ihr, dass dies kein Traum war. Vielleicht bin ich verrückt geworden, dachte sie, und ich bilde mir ein, dass Katzen und Hunde sprechen können. Sie erinnerte sich an das, was ihr Vater an diesem Morgen zu ihr gesagt hatte, nämlich dass es keine Magie gab. Er sollte in diesem Moment hier sein!

     „Wir sind dir sehr dankbar“, sagte die Katze nun, „dass du nicht vor uns weggelaufen bist. Nicht viele Menschen lassen sich auf ein Gespräch mit uns ein. Die meisten laufen schon davon, wenn sie von Weitem unser Boot erspähen.“

     Veronica beschloss herauszufinden, wie verrückt sie denn nun geworden war. Sie würde den beiden den Gefallen tun und ihnen zuhören. Wenn dies nur ein Traum war, müsste sie früher oder später wieder aufwachen. Sie richtete sich auf und umklammerte mit ihrer Hand einen kleinen Stein. Wenn es nötig wäre, würde sie sich damit wehren. Langsam ging sie um die Bank herum und setzte sich darauf. Der Hund und die Katze folgten ihr und setzten sich auf ihre Hinterpfoten ihr gegenüber. Das kleine Boot lag nur ein paar Schritte hinter ihnen am Ufer.

     „Wir kommen aus Marismera“, begann der Hund, „und bevor wir Hund und Katze wurden, waren Lidia und ich normale Menschen. Genauso wie du.“

     „Fast“, fügte seine Begleiterin hinzu.

     Veronica blickte sich um, doch es waren immer noch keine Menschen auf dieser Uferseite. „Wo ist Marismera?“, fragte sie.

    „Mitten in einem großen Ozean“, erwiderte der Hund. „Es ist eine Insel. Dort sind wir geboren und dort haben wir unser ganzes Leben verbracht. Allerdings nicht immer in diesen Gestalten. Bis vor fünfzehn Jahren waren wir noch Menschen – jung und hübsch. Lidia war jedenfalls sehr hübsch.“ Der Hund schaute seine Begleiterin verschmitzt an.

     „Und jetzt sind wir fünfunddreißig Jahre alt und du siehst, was aus uns geworden ist“, fügte die Katze hinzu.

     „Was ist denn passiert?“, fragte Veronica.

     „Als wir beide zwanzig waren, wurden wir in unsere jetzigen Gestalten verwandelt“, erklärte der Hund. „Dies geschah kurz vor unserer Hochzeit.“

      Veronica starrte die beiden an. „Was … wer hat euch denn verwandelt?“

     „Ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft“, antwortete die Katze. „Sie und Ricky waren von klein auf befreundet. Als ich ihn kennen lernte und wir uns ineinander verliebten, wurde sie sehr eifersüchtig. Und als wir einige Jahre später unsere Hochzeit bekannt gaben, verwandelte sie uns in zwei Tiere. Da sie nicht das haben konnte, was sie wollte, nämlich Rickys Liebe, wollte sie wenigstens verhindern, dass wir uns an unserer Liebe erfreuten.“

     „Aber das ist unmöglich! Niemand kann einen anderen Menschen in ein Tier verwandeln!“, rief Veronica, hielt dann aber inne. Wenn dies nur ein Traum war, dann war es vielleicht doch möglich. Genauso wie eine sprechende Katze und ein sprechender Hund möglich waren.

    „Du siehst sehr wohl, dass man es kann“, entgegnete die Katze. „Jedenfalls in unserem Land.“

     „Wir müssen dir etwas über Marismera verraten“, sprach der Hund. „Bis vor fünfzehn Jahren, als der Vorfall mit unserer Verwandlung geschah, war Marismera eine magische Insel. Das heißt, alle Bewohner besaßen magische Kräfte. Das war schon viele hundert Jahre so gewesen.“

       Veronica sah ihn verwundert an. „Magie – gibt es wirklich?!“

     „Natürlich“, antwortete der Hund. „Zumindest hat es sie in unserem Land gegeben. Dank unserer früheren Zauberkräfte führten wir ein sorgenfreies Leben und konnten uns vor den vielen Gefahren retten, die auf einer Insel lauern. Und genau dieser magischen Kräfte hat sich dieses Mädchen bedient, als es von unserer angekündigten Hochzeit erfuhr. Dadurch hat sie uns in unsere jetzigen Gestalten verwandelt.“

   Veronica überlegte kurz. „Konntet ihr eure Zauberkräfte nicht dazu einsetzen, euch zurückzuverwandeln?“

    „Leider nicht“, erwiderte die Katze. „Und genau darin besteht unser Problem. Aus diesem Grund brauchen wir deine Hilfe. Es gibt in Marismera nämlich ein Gesetz, das im Lebensbuch eingetragen ist.“

     „Lebensbuch? Was ist denn das?“, fragte Veronica.

    „Es ist das wichtigste Buch auf Marismera. Es enthält die Gesetze und Regeln darüber, wie wir unser Leben führen sollen. Und darin steht, dass wir unsere magischen Kräfte nur unter einer Bedingung einsetzen dürfen, nämlich niemals zum Schaden unserer Mitmenschen. Wir dürfen uns mit der Magie das Leben verschönern und uns vor Gefahren retten, aber wir dürfen keiner Person Schaden zufügen.“ Die Katze hielt kurz inne. „Natürlich hielten sich in der Geschichte unserer Insel nicht alle Menschen daran und es gab hin und wieder unglückliche Vorfälle. Im Lebensbuch steht auch, dass derjenige, der seine Zauberkräfte auf negative Weise einsetzt, sich in ein Monster verwandeln und bis zu seinem Lebensende im Urwald leben wird. In der Mitte unserer Insel gibt es nämlich einen großen Urwald.“

      „Aber dann ist das Mädchen, das euch verwandelt hat, jetzt ein Monster!“, rief Veronica aus.

    „So ist es“, bestätigte der Hund. „Und ich kann dir versichern, dass es kein ansehnliches Monster ist. Aber was wir dir noch nicht erzählt haben, ist, dass in unserem Lebensbuch eine weitere Strafe eingetragen ist. Wenn die neunundneunzigste Person in der Geschichte Marismeras ihre magischen Kräfte auf negative Weise einsetzt, verlieren alle Bewohner unserer Insel für immer ihre Kräfte.“

   „Genau das ist vor fünfzehn Jahren eingetreten“, fügte die Katze hinzu. „Estelle war die neunundneunzigste Person, die die Magie negativ benutzt hat, denn sie hat aus Eifersucht gehandelt.“

     „Estelle?“

     „So heißt das Mädchen, das in Ricky verliebt war und uns in Tiere verwandelt hat.“

   „Estelle war ein hübsches Mädchen“, erzählte der Hund. „Aber mein Herz schlug nur für Lidia. Estelle war für mich die ganze Zeit nur eine gute Freundin. Aber sie kam damit nicht klar und hat diese große Dummheit begangen. Als Folge ihrer Tat verloren alle Bewohner unserer Insel von einer Sekunde auf die andere ihre magischen Kräfte; wir natürlich auch. Dies geschah augenblicklich, sodass uns keine Zeit blieb, uns zurückzuverwandeln.“

     „In den vergangenen fünfzehn Jahren“, ergänzte die Katze, „sind viele unserer Mitmenschen an Krankheiten gestorben, die wir früher dank der Magie im Handumdrehen heilen konnten. Andere Menschen wurden von Giftschlangen oder gefährlichen Insekten und Tieren angegriffen. Ohne die Kraft der Magie konnten sie sich kaum dagegen wehren. Unsere Insel ist wunderschön, aber es gibt auch gefährliche Gegenden sowie wilde Tiere. Mit magischen Kräften führten wir ein wunderschönes Leben, ohne diese ist das Leben härter geworden.“

     „Und ohne Magie werden Lidia und ich bis an unser Lebensende eine Katze und ein Hund bleiben. Ich werde nie wieder Lidias hübsches Gesicht sehen können.“

     „Außer du willigst ein, uns zu helfen“, fügte die Katze in hoffnungsvollem Ton hinzu.

     Veronica sah die beiden verdutzt an. „Ich verstehe nicht, wie das möglich sein sollte. Nach allem, was ihr mir erzählt habt, gibt es keine Möglichkeit, dass –“

    „Aber wir haben dir noch nicht alles erzählt. Es gibt eine einzige Möglichkeit, wie wir unsere magischen Kräfte wiedererlangen können.“

     Die Katze hielt inne und Veronica wartete, dass sie weitersprach.

    „Würdest du bitte“, forderte die Katze sie auf, „zu unserem Boot hinübergehen und die kleine grüne Schachtel herausholen, die dort auf der Sitzbank liegt?“

    Veronica zögerte zuerst. Doch dann stand sie auf, ließ den Stein, den sie bis dahin zur Abwehr in der Hand gehalten hatte, auf den Boden fallen, und ging auf das kleine Boot zu. Dort angekommen, stellte sie fest, dass seine Länge lediglich einen halben Meter betrug und sich darin zwei mit grünem Samt bezogene Sitzbänke befanden. Das Innere des Bootes war genauso wie ihr Äußeres türkisgrün angestrichen. Auf einer der Sitzbänke entdeckte sie eine quadratische dunkelgrüne Schachtel, so klein, dass sie in ihre Hosentasche hineingepasst hätte. Sie hob sie auf und trug sie zur Bank.

    „Mach sie bitte auf“, forderte die Katze Veronica auf, nachdem diese wieder auf der Bank Platz genommen hatte.

     Veronica klappte den Deckel der Schachtel auf. „Wow! Das ist –“

     „Ein Smaragd, ja“, unterbrach die Katze sie. „Ein echter.“

     Veronica betrachtete den ungewöhnlichen Stein. Er hatte die Form eines neunzackigen Sterns und schimmerte hellgrün in der Sonne. In jede Zacke war eine dunkelgrüne Ziffer eingraviert – von 1 bis 9 im Uhrzeigersinn. In der oberen Zacke stand eine 1, rechts davon eine 2, dann ... Veronica stellte fest, dass die 3 fehlte – in die dritte Spitze von rechts war keine Ziffer eingraviert. In der nächsten Zacke ging es weiter mit 4, dann 5, und so weiter bis 9. Während sie die Schachtel mit dem Smaragd in der Hand hielt, verwarf Veronica den Gedanken, dass dies nur ein Traum war. Die Schachtel fühlte sich in ihrer Hand sehr wirklich an und der Smaragd darin war bestimmt keine Einbildung.

     „Der Smaragd ist an ein Halsband gebunden“, sagte die Katze. „Nimm es bitte heraus und leg es dir um den Hals.“

     Veronica bemerkte jetzt, dass der Stein an einer schlichten hellgrünen Schnur festgebunden war.

     „Aber vorsichtig“, ermahnte der Hund sie. „Falls du spürst, dass dir davon die Haut brennt, wirf den Smaragd sofort auf den Boden.“

      „Ist er gefährlich? Er sieht doch so wunderschön aus!“

    „Er ist nicht gefährlich“, entgegnete die Katze, „er ist machtvoll. Er kann uns in unserem Versuch, unsere magischen Kräfte zurückzuerlangen, behilflich sein. Aber er kann nicht von Ricky oder mir benutzt werden. Und von keiner anderen Person auf Marismera. Nur eine Person außerhalb unseres Landes kann ihn benutzen. Aber um herauszufinden, ob du die geeignete Person dafür bist, musst du ihn dir um den Hals hängen.“

    Veronica nahm die hellgrüne Schnur zwischen zwei Finger und hielt sie hoch. Der Smaragdstern, der daran baumelte, glänzte so sehr in der strahlenden Sonne, dass sie die Augen zukneifen musste. Sie legte sich die dünne Schnur um den Hals und der Smaragd hing nun über ihrem T-Shirt.

     „Du musst ihn unter dein T-Shirt stecken“, wies der Hund sie an. „Er muss deine Haut berühren.“

       Veronica nahm die Schnur und schob sie mitsamt dem Smaragd, der daran hing, unter ihr T-Shirt. Sie hielt den Atem an und wartete.

    Einige Sekunden verstrichen. Weder sie noch die Katze oder der Hund wagten, sich zu rühren.

      Plötzlich fuhr ein Fahrradfahrer an ihnen vorbei und Veronica zuckte zusammen.

      „Was ist?“, fragte die Katze. „Brennt es?“

     „Nein.“ Veronica sah dem Radfahrer nach. „Ich hatte nur Angst, dass der Mann anhalten und euer Boot entdecken würde. Aber er hatte es anscheinend eilig.“

     „Es brennt wirklich nicht?“, fragte der Hund nach.

     „Ganz im Gegenteil. Der Smaragd fühlt sich angenehm kühl an.“

     „Ich kann’s nicht glauben! Sie ist es, Ricky! Wir haben sie gefunden!“

    „Ganz ruhig, Lidia. Natürlich ist es schön, dass der Smaragd sie nicht zurückgewiesen hat. Aber wir wissen nicht, ob sie einverstanden ist, mit uns mitzukommen.“

     „Mitkommen? Wohin denn?“, fragte Veronica.

      Die Katze konnte ihre Begeisterung kaum verbergen. „Auf Marismera. In unser Land!“

Hintergrundmusik © Ben Eifert

 

© 2019 Anna-Maria Nagy. Alle Rechte vorbehalten. Created with Wix.com